EHEMALIGE SYNAGOGE ZELL

1849   Landrat Alexander Moritz verkauft die oberen Stockwerke des Domestikengebäudes des Zeller Schlosses für 300 preußische Thaler an die israelitische Gemeinde Briedel-Zell. Diese umfasst zu dieser Zeit neben Zell auch die Nachbarorte des Zeller Hamms: Pünderich, Briedel, Merl, Bullay, Alf und Bad Bertrich. Die Gemeinde möchte einen Gebetsraum einrichten und muss für den nötigen Umbau etliche Bauauflagen seitens des Verkäufers einhalten.

1920   Die Synagoge wird für die nunmehr 50 Gläubigen zu klein, eine Empore für die Frauen wird gebaut, im Zuge der Renovierung wird der Thoraschrein erneuert und vergrößert, weswegen die beiden Rundfenster der Ostseite zugemauert werden, eine Gedenktafel für die Toten den Weltkriegs wird angebracht, elektrische Beleuchtung installiert. Die Menorah, die Gesetzestafeln und der Giebel an der Jakobstraße werden erneuert, die Wände werden durch einen ockerfarbigen Anstrich verziert und der Sternenhimmel gemalt, die Essener Synagogengemeinde stiftet Bänke.

1925   Die Gemeinde zählt 80 Mitglieder, deren Familienväter Kaufleute, Uhrmacher, Tuchhändler, Gastwirte, Fleischer, Schneider und Weinhändler sind. Bis ca. 1935 üben sie ihre Berufe ungestört aus, leben die Familien in Frieden.

1935   Die Schikanen werden spürbarer und es gelingt der Mehrzahl der Juden zu emigrieren, vor allem in die USA, nach Palästina, Südamerika, Südafrika.

1938   In der Progromnacht vom 8. auf den 9. November entfernt die örtliche Polizei auf höhere Weisung alle wertvollen, also edelmetallenen Kultgegenstände, wie Ewiges Licht, Menorah, Thoraschilder, Mesusa, bevor ein Schlägertrupp der SA „dem empörten Volkszorn wegen der Ermordung des Legationsrats von Rath in Paris“ freien Lauf lässt. Das verbliebene Inventar wie Thoraschrein, Thorarolle und – vorhang, Bänke, Leuchter und Fenster werden demoliert oder gestohlen. Unangetastet bleiben die Ornamente aus Sandstein wie die Kriegsgefallenentafel, die Menorah im Türstock außen und die Gesetzestafeln; auch die mit 8 Davidsternen verzierte Eichentür bleibt unversehrt. Grund hierfür ist: Einer der Traben-Trarbacher SA – Schläger (in Zivil) ist der Sohn des Bildhauers Wendthut, der die Steinmetzarbeiten 18 Jahre zuvor schuf. „Dä Kram vunn mäinem Vadda gett net onngerehrt!“ So berichtet ein Zeitzeuge. Laut Polizeiprotokoll durfte die Synagoge nicht gebrandschatzt werden wegen des kurfürstlichen Schlosses im gleichen Gebäude. Das Leben der Synagogengemeinde Briedel-Zell endete nach beinahe 90 Jahren an diesem 10. November.

1939   Der Fleischer Gustav „Israel“ Harf muss als letztes verbliebenes Gemeindemitglied der Synagoge das Gebäude für 1000,- RM an den Schlossbesitzer Bohn verkaufen.

1940   Der Textilkaufmann P. J. Piacenza mietet die Synagoge als Lagerraum, auch um das ehemalige Gotteshaus vor weiteren Entweihungen zu schützen. An die Innenseite der Tür schreibt er das Wort „kosher“.
Die Nazis beginnen mit der Deportation der verbliebenen Juden und ihrer Familien. Sie werden in den Ghettos der größeren Städte (Trier, Koblenz, Köln) gesammelt und von dort aus in die Vernichtungslager des Ostens geschickt. Bis 1943 fallen 34 Männer, Frauen und Kinder der Gewaltherrschaft der Nazis zum Opfer.

1995   Der Landkreis Cochem – Zell lädt die in aller Welt verstreut lebenden ehemaligen Zeller Juden zu einer Begegnungswoche ein. Acht folgen dieser Einladung.

1999   Nachdem die Bürgermeister von Zell, Döpgen und Bamberg sich bereits in den 1980er / 90er Jahren bemühten, die ehemalige Synagoge zu erhalten, formiert sich erstmals der Freundeskreis. Der noch lockere Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern prüft Möglichkeiten, eine weitere, zweckfremde Nutzung des Raumes nachhaltig zu verhindern. Zunächst ergeht eine Anfrage an das Landesamt für Denkmalpflege, welches die ehemalige Synagoge umgehend unter seinen Schutz stellt.

2000   Gründung des eingetragenen Vereins „Freundeskreis der Synagoge Zell“ mit dem Ziel, die Ehemalige Synagoge zu restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

2001   Der Verein erhält die Ehemalige Synagoge von den Eigentümern des Schloss Zell als Schenkung, mit den Auflagen, den Raum zu versichern und die Energiekosten zu tragen. Als Eigentümer kann der Verein nun den Wunsch nach Sanierung an das Landesamt für Denkmalpflege richten, in dem Sinne, den Raum nicht im aktuellen Zustand zu konservieren, sondern vielmehr eine Wiederherstellung des letzten intakten Zustandes anzustreben.

2002   Ende des Jahres beginnt die Restaurierung. Durch Eigenleistung der Vereinsmitglieder und Unterstützer sowie Honorarverzicht des beauftragten Architekten kann der Freundeskreis 20% des veranschlagten Gesamtetats einsparen. Die verbleibenden Kosten werden zu 60% vom Amt für Denkmalschutz getragen, 40% übernehmen die Stadt Zell, die Verbandsgemeinde und der Kreis Cochem-Zell.

2003   Der Raum wird nach Fotos und Erinnerungen behutsam in Stand gesetzt. Es wird bewusst darauf verzichtet, alle Spuren der Vergangenheit zu tilgen, der Schriftzug „kosher“ bleibt ebenso erhalten, wie Spuren von Vandalismus im Mauerwerk und Reste des originalen Wandschmucks. Die Wände werden wieder ockergelb geputzt, der Sternenhimmel handgemalt. Der Senheimer Künstler Christoph Anders gestaltet und stiftet die Menorah. Am 25. Oktober wird der ehemalige Gebetsraum in einer Feierstunde der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Seitdem beleben regelmäßige Öffnungszeiten sowie kulturelle Veranstaltungen das historische Gebäude und halten die Erinnerung an die Verfolgten und Opfer der Naziherrschaft wach.